Sprache

Dieses Kapitel lädt dazu ein, die Verbindung zwischen Kultureller Bildung und Sozialer Arbeit zu erkunden. »Frosch oder König? Kulturelle Bildung und Soziale Arbeit – unterschiedliche Ziele, fruchtbare Synergien«, die Keynote zeigt Chancen, Herausforderungen und Schnittstellen beider Bereiche auf. Die von Axel Watzke moderierte Podiumsdiskussion mit den Diskutierenden Katharina Brederlow, Nadia Boltes und Prof. Dr. Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss, beschäftigt sich die Podiumsdiskussion mit der Schnittstelle Kulturelle Bildung und Soziale Arbeit auf kommunaler, Landes- und Bundesebene. Ein Gespräch zwischen Axel Watzke und Jan Riedel, dem Minister für Bildung des Landes Sachsen-Anhalt, rundet das Kapitel ab. Im Mittelpunkt steht dabei die schulische Perspektive auf die Schnittstelle.

Herzlich Willkommen in den Franckeschen Stiftungen

Anneheide von Biela, stellvertretende Direktorin der Franckeschen Stiftungen, lädt ein, unseren modernen Bildungskosmos kennenzulernen, der heute mehr als 50 Einrichtungen aus den Bereichen Bildung und Soziales vereint und zugleich als musealer Ort zum Entdecken und Staunen einlädt. Sie freut sich auf zwei Tage voller Austausch, Entdeckungen und neuer Ideen, die Mut und Energie schenken, um sich zu vernetzen, verändern und gestalten.

Wir haben 2025 das 25-jährige Jubiläum des Kinderkreativzentrums Krokoseum, 20 Jahre Familienkompetenzzentrum für Bildung und Soziales sowie 30 Jahre Kita August Hermann Francke gefeiert.

 

Es entsteht ein neuer Möglichkeitsraum, der Individuen Sicherheit und Unterstützung bietet und gleichzeitig einen Möglichkeitsraum schafft, Selbst- und Weltverhältnisse zu transformieren und dadurch mit äußeren Transformationen produktiv umzugehen.

Frau Prof. Dr. Reinwand-WeissDirektorin der Bundesakademie für Kulturelle Bildung

Prof. Dr. Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss ist Direktorin der Bundesakademie für Kulturelle Bildung und Professorin für Kulturelle Bildung an der Universität Hildesheim. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen unter Anderem in der ästhetischen und Kulturellen Bildung, Bildungstheorie sowie frühkindlichen Bildung. Sie ist Mitgründerin des »Netzwerks Forschung Kulturelle Bildung« und engagiert sich in verschiedenen kulturpolitischen Gremien für die Weiterentwicklung des Feldes.

Key Note »Frosch oder König. Eine Analogie.«

Kulturelle Bildung ist ein lebenslanger, produktiver und rezeptiver Prozess, der auf Selbstbildung basiert – also auf der Wechselwirkung zwischen Individuum und Umwelt. Sie vermittelt ästhetische Erfahrungen und eröffnet Möglichkeitsräume, ohne konkrete Ziele vorzugeben, im Gegensatz zur Sozialen Arbeit, die unterstützend und zielgerichtet arbeitet. Besonders prägend ist die frühe Kindheit (0–6 Jahre), in der Wahrnehmung und Sinne geschärft werden. Kulturelle Bildung verfolgt zudem eine demokratische Dimension, indem sie Teilhabe fördert und Hochkultur aus den Institutionen in die Gesellschaft trägt. In herausfordernden Zeiten kann die Verbindung von Kultureller Bildung und Sozialer Arbeit neue Räume schaffen, in denen Individuen Sicherheit, Unterstützung und Möglichkeiten zur Selbstermächtigung finden, ohne dass die Profile der beiden Disziplinen verwischt werden.

Die Gemeinsamkeiten von Sozialer Arbeit und Kultureller Bildung zeigen sich deutlich im ganzheitlichen Zugang, der sich auf die Stärken der Subjekte fokussiert. Zudem handeln beide Disziplinen an den Interessen- und Lebenswelten der Teilnehmenden und unterstützen dabei Selbstwirksamkeitserfahrungen und die Gestaltungsmacht. Sie fördern Resilienz und Perspektivenvielfalt.

Kulturelle Bildung kann Soziale Arbeit nicht ersetzen, aber fördert allgemeine Bildungspotenziale wie die Wahrnehmungs-, Ausdrucks- und Gestaltungskompetenzen, eigene Verantwortungsübernahme, die geselschaftliche Teilhabe durch Teilnahme und den Umgang mit Unsicherheiten und Ambivalenzen. 

Die Verbindung dieser zwei Disziplinen regt zum (Um)denken an, ermöglicht neue Perspektiven und Teilhabe. Durch fruchtbare Synergien kann umgedacht werden. Und so kann aus einem Frosch ein König werden. 

Hier gelangen Sie zur vollständigen Präsentation.

»Warum ist das Thema Kulturelle Bildung und Sozial Arbeit gerade wieder so aktuell? [...]« Frau Reinwand-Weiss findet eine Antwort auf diese Frage.

Das Einfachste wäre es, Geld in die Hand zu nehmen und in jede ländliche Region so einen Kulturarbeiter zu setzen.

Frau Prof. Dr. Reinwand-WeissDirektorin der Bundesakademie für Kulturelle Bildung

Tagungseindrücke

»Man werde sprichwörtlich an die Wand geworfen und durch diese starke Erfahrung verändere man sich, wandele sich, schaue mit anderen Augen auf die Welt. In den zwei folgenden Tagen gab es unzählige Möglichkeiten der ästhetischen Erfahrungen, von denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich im positiven Sinne an die Wand geworfen und transformiert fühlen konnten.« Martin Becker

Kurz-Vorstellung der Beteiligten der Podiumsdiskussion

Axel Watzke moderierte das Podium und begleitete die Diskussionen mit fachlicher Expertise. Er ist Mitgründer und Partner der Kommunikationsagentur anschlaege.de und unterstützt Kultur- und Bildungsinstitutionen bei Transformationsprozessen, entwickelt Kommunikations‑ und Formatstrategien und gestaltet Seminare zu Themen wie künstlicher Intelligenz und künstlerischer Praxis.

Katharina Brederlow ist Beigeordnete für Bildung und Soziales der Stadt Halle (Saale). Zuvor leitete sie den Fachbereich Bildung. Sie ist verantwortlich für die strategische Weiterentwicklung kommunaler Bildungs‑ und Sozialangebote. In ihrer Rolle setzt sie sich für vernetzte Bildungs‑ und Teilhabeprozesse in der Stadtgesellschaft ein.

Nadia Boltes ist stellvertretende Geschäftsführerin der .lkj) – Landesvereinigung kulturelle Kinder‑ und Jugendbildung Sachsen‑Anhalt e. V. und Leiterin der Servicestelle für digitale kulturelle Bildung. In ihrer Arbeit fördert sie digitale Methoden und Konzepte, unterstützt Fachkräfte in kulturellen Bildungsprozessen und gestaltet praxisorientierte Angebote für Teilhabe, Kreativität und Medienkompetenz.

und 

Prof. Dr. Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss, die wir Ihnen bereits vorgestellt haben, als Vertreterin einer Metaperspektive und einer bundesweiten Perspektive. Sie hat nicht die Rolle einer 
Bundespolitikerin inne.

Positionierungen

Katharina Brederlow: 

These: »Kulturelle Bildung erreicht bestimmte Zielgruppen nicht«

Der Bildungsbeirat Halle hat Handlungsbedarfe im Bereich Armut aufgezeigt: In Stadtteilen wie der südlichen Neustadt bleiben Angebote Kultureller Bildung oft ungenutzt, während Mittagessen oder Nachhilfe angenommen werden, dies zeigt sich in der Auswertung der Anträge für Bildung und Teilhabe der Stadt Halle (Saale). Gründe könnten fehlende Bekanntheit der Angebote bei Familien und/oder Fachkräften oder mangelnde Zugänglichkeit für finanziell benachteiligte Familien sein.

Nadia Boltes: 

These: »Kulturelle Bildung ist die kreative Werkzeugkiste der sozialen Arbeit. Ohne sie fehlen entscheidende Methoden um junge Menschen wirklich in ihrer Lebenswelt zu erreichen«

In Halle-Neustadt zeigen beispielsweise kostenfreie Angebote wie Passage 13, tumult oder die Freiraumgalerie, wie kulturelle Bildungsangebote gezielt Hürden abbauen können, indem sie junge Menschen direkt in ihrem Lebensumfeld erreichen. Gerade in ländlichen Regionen und weniger angebundenen Orten können koordinierende Strukturen dazu beitragen, vorhandene Angebote sichtbarer zu machen und Zugänge besser miteinander zu verbinden. Hier kommt die Rolle eines Dachverbandes wie der .lkj) – Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt e. V. ins Spiel: Sie bündelt Informationen, vernetzt Akteur:innen und trägt dazu bei, dass Angebote kultureller Bildung besser zugänglich und wahrnehmbar werden. Durch Programme, politische Interessenvertretung und die Qualifizierung von Fachkräften stärkt die .lkj) Sachsen-Anhalt die strukturellen Voraussetzungen für jugendgerechte kulturelle Bildung. Ziel ist es, Angebote näher an die Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen zu bringen – sowohl in Kooperation mit Schule im Ganztag als auch insbesondere in außerschulischen und informellen Räumen kultureller Praxis.

Als Dachverband übernimmt die .lkj) Sachsen-Anhalt dabei eine koordinierende und strukturentwickelnde Rolle im Feld der kulturellen Bildung. Sie vernetzt Träger und Initiativen, bündelt fachliche Perspektiven aus Praxis und Fachdebatte, vertritt die Interessen des Arbeitsfeldes gegenüber Politik und Verwaltung und stärkt durch Programme, Qualifizierungsangebote und Fachdialoge die Rahmenbedingungen kultureller Kinder- und Jugendbildung im Land.

Prof. Dr. Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss:

These: Es braucht direktere Förderungen von Kultureinrichtungen und informalen Einrichtungen in den Kommunen, die dann kostenfreie Angebote für alle Menschen ermöglichen. 

Das Bildungs- und Teilhabepaket wird aus ihrer Sicht als gescheitert betrachtet, da Fördermittel zu bürokratisch verteilt werden. Gleichzeitig bietet der Ganztag als Rechtsanspruch die Chance, Schule neu zu denken, besser zu vernetzen und Sozial- sowie Kulturarbeit gezielt einzubinden. Entscheidend sind dabei Freiräume, angemessene Finanzierung und Gesamtkonzepte, die nicht starr an Fächergrenzen gebunden sind.

Wird die Schnittstelle Kulturelle Bildung gesehen und gestärkt?

Katharina Brederlow: Ja, der Bildungsbeirat beschäftigt sich zum Beispiel mit außerschulischen Lernorten, da wird die Schnittstelle wahrgenommen. Die Chancen des Ganztags – etwa an Grundschulen in Sachsen-Anhalt – hängen stark vom jeweiligen Bundesland ab und stellen weitere Fragen, wie z.B. ob der Hort den Anspruch auf Ganztag bereits erfüllt? Es braucht eine bessere Abstimmung zwischen den Ministerien sowie eine engere Verzahnung von Ganztag und Startchancenprogramm, um Bildungsbenachteiligung wirksam zu begegnen.

Nadia Boltes: Für ein gelingendes Zusammenwirken von Schule und außerschulischen Akteur:innen müssen Praxis und tatsächliche Bedarfe stärker zusammengebracht werden. Starre Vorgaben, wie beispielsweise sechsstündige Workshopformate oder organisatorische Fragen wie Zugänge zu Räumen und Nutzungsregeln, schaffen dabei oft unnötige Hürden. Formate wie ein gemeinsamer runder Tisch mit dem Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung Sachsen-Anhalt sowie den zuständigen Ministerien können dazu beitragen zu klären, was in der Praxis wirklich gebraucht wird und wie freiberufliche Akteur:innen für die Mitarbeit im Ganztag gestärkt werden können. Fachverbände können hier als Vertreter:innen und Vermittler:innen eine wichtige Rolle einnehmen. Gleichzeitig stehen Fachkräfte vor zusätzlichen Anforderungen, etwa im Umgang mit Themen wie mentaler Gesundheit oder sexualisierter Gewalt. Um diesen Herausforderungen angemessen begegnen zu können, benötigen sie zusätzliche Kompetenzen sowie methodische Unterstützung, damit solche Themen verantwortungsvoll in künstlerisch-pädagogische Angebote integriert werden können. Damit die Schnittstelle wirklich gestärkt wird, braucht es Strukturen, Ressourcen, Qualifizierung und kontinuierliche Vernetzung und nicht nur punktuelle Zusammenarbeit.

Prof. Dr. Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss: Es braucht eine stärkere Betrachtung von Hochschulen. Angehende Kulturpädagog:innen müssen beispielsweise in der Arbeit mit jungen Menschen in prekären Lebenslagen besser unterstützt werden. In kommunalen Bildungslandschaften sollten Kultur, Soziales und Bildung enger zusammenarbeiten, um Bildungsherausforderungen gemeinsam und breiter bewältigigen zu können.

Schreitet die Schnittstelle Kulturelle Bildung und Soziale Arbeit im ländlichen Raum voran oder hinkt sie hinterher? Welche Unterschiede gibt es?

Nadia Boltes: Viele Regionen sind von Abwanderung und Leerstand betroffen – Herausforderungen, die sich künftig weiter verstärken könnten. Gleichzeitig zeigen Beispiele wie Zeitz, dass gezielte Investitionen in Kulturelle Bildung neue Impulse setzen: Wenn Akteur:innen neue Räume suchen, können in ländlichen Regionen lebendige Treffpunkte und kleine kulturelle »Perlen« entstehen. Im Rahmen des Förderprogramms Bildungskommunen arbeitet beispielsweise der Burgenlandkreis daran, Kulturelle Bildung stärker im kommunalen Bildungsmanagement zu verankern und unterschiedliche Akteur*innen aus Kultur, Verwaltung, Bildung und Zivilgesellschaft miteinander zu vernetzen. Ziel ist es, kulturelle Angebote langfristig zu sichern und mehr Teilhabe- und Bildungschancen für Kinder und Jugendliche zu schaffen. Solche Ansätze zeigen, wie sich lokale Bildungslandschaften entwickeln können, in denen Kulturelle Bildung und Soziale Arbeit enger zusammenwirken.

Katharina Brederlow: Im südlichen Sachsen-Anhalt zeigt sich aus Sicht des kommunalen Bildungsmanagements ein deutlicher Wandel: Familien ziehen aus Halle weg, während zugleich Schul- und Kita-Schließungen den Druck erhöhen. Dennoch entstehen im ländlichen Raum neue Möglichkeiten. Gewünscht wird eine stärkere Koordinierung sowie mehr Unterstützung durch das Land, etwa durch Förderprogramme, um Angebote aus der Stadt auch in die Regionen zu tragen.

Prof. Dr. Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss: Modellprogramme der Kulturstiftung des Bundes haben gezeigt, wie wirkungsvoll es ist, Kulturschaffende und Kulturvermittler:innen in ländlichen Räumen als verbindende Akteur:innen zu etablieren. Gleichzeitig fehlt es vielerorts an struktureller Unterstützung. Ein naheliegender Schritt wäre, gezielt in solche Stellen zu investieren und sie flächendeckend in ländlichen Regionen zu verankern.

Welche Strategien und Methoden helfen, Menschen in prekären Lebenslagen oder mit anderen Lebensrealitäten zu erreichen und welche Praxisbeispiele gibt es dafür?

Katharina Brederlow: Einrichtungen wie der Grünen Villa und Jugendeinrichtungen sind gute Beispiele, um verschiedene Menschen zu erreichen - dennoch fehlt es an Infrastruktur. Auf dem Campus Neustadt sollen mit dem Schwerpunkt MINT – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – Angebote für Kinder und Jugendliche stattfinden, wobei es auch Angebote der kulturellen Bildung geben soll.Es bleibt abzuwarten, ob diese Maßnahmen ausreichen, um den Bedarf langfristig zu decken.

Nadia Boltes: Zeitgemäße Ansätze setzen auf aufsuchende Methoden: Angebote werden direkt an Orte gebracht, an denen Kinder und Jugendliche ohnehin gern sind, um sie besser zu erreichen und niedrigschwellig einzubinden.

Der Mensch steht im Mittelpunkt - nicht die Idee die wir haben.

Schulpolitische Perspektive

Jan Riedel ist Minister für Bildung des Landes Sachsen-Anhalt. Er war viele Jahre als Lehrer tätig und Schulleiter des Lyonel-Feininger-Gymnasiums in Halle. Zudem leitete er eine Expertenkommission zur Weiterentwicklung des Schulwesens. In seiner Rolle als Bildungsminister setzt er auf den Austausch mit Lehrkräften sowie die Stärkung und Weiterentwicklung des Bildungssystems des Landes.

In dem Moment, wo Schule beginnt sich zu öffnen für den Sozialraum, für den kulturellen Raum, da beginnt dann auch Chancengleichheit, da beginnt dann auch Vielfalt.

Jan RiedelMinister für Bildung des Landes Sachsen-​Anhalt

Wie sehen Sie die Schnittstelle Kulturelle Bildung und Soziale Arbeit in der Bildungslandschaft Sachsen-Anhalt verankert?

In Sachsen-Anhalt, besonders in Städten wie Halle (Saale) mit sozial stark belasteten Stadtteilen wie Silberhöhe und Halle-Neustadt, ist die Schnittstelle zwischen Kultureller Bildung und Sozialer Arbeit von zentraler Bedeutung. Gerade dort, wo Kinder und Jugendliche unter prekären Bedingungen aufwachsen, braucht es Schule nicht nur als Lernort, sondern als sozialen und kulturellen Lebensraum.

Schulsozialarbeit leistet hier eine unverzichtbare Arbeit: Sie bildet die Schnittstelle zwischen dem, was aus Familie, Peergroup und sozialem Umfeld in die Schule hineinwirkt und dem Bildungsauftrag der Schule selbst. In Verbindung mit Kultureller Bildung entstehen wichtige Räume für Teilhabe, Ausdruck und Persönlichkeitsentwicklung, das betrifft besonders jene Kinder, die sonst nur eingeschränkten Zugang zu kulturellen Angeboten haben.

Gleichzeitig zeigt die Praxis, wie abhängig dieses Engagement oft von befristeten – etwa europäischen – Fördermitteln ist. Eine dauerhafte Budgetierung der Schulsozialarbeit wäre daher ein entscheidender Schritt für mehr Verlässlichkeit. Denn am Ende hängt viel vom Engagement der Akteurinnen und Akteure vor Ort ab. Das Bildungsland Sachsen-Anhalt setzt den Rahmen, wie Verantwortung konkret wahrgenommen und ausgestaltet wird, entscheidet sich in den Schulen, in den Stadtteilen und im direkten Einsatz für die Kinder.

Was waren die drei wichtigsten Punkte in Ihrer Tätigkeit als Schuldirektor dieses Thema voranzubringen und die Soziale Arbeit und die Kulturelle Bildung miteinander zu verbinden?

Als Schuldirektor waren für mich drei Punkte entscheidend, um Soziale Arbeit und Kulturelle Bildung nachhaltig miteinander zu verbinden.

Erstens ging es um die konsequente Öffnung der Schule in den Sozial- und Kulturraum. In Halle (Saale), der Kulturhauptstadt Sachsen-Anhalts, gibt es eine Vielzahl engagierter kultureller und sozialer Akteurinnen und Akteure. Dieses Potenzial ist da, aber es nutzt sich nicht von allein. Schule muss aktiv auf Partner im sozialen Bereich, auf städtische Einrichtungen und kulturelle Träger zugehen. In dem Moment, in dem Schule beginnt, sich für ihren Sozialraum und den kulturellen Raum zu öffnen, entstehen Chancengleichheit und gelebte Vielfalt.

Zweitens war der Aufbau verlässlicher Kooperationen zentral. Netzwerkarbeit kostet Kraft, Zeit und Überzeugung – aber sie lohnt sich. Die vorhandenen kulturellen Ressourcen der Stadt in Bildungsprozesse einzubinden, stärkt nicht nur einzelne Projekte, sondern das gesamte Schulprofil.

Drittens spielte ein klares Autonomiekonzept eine wichtige Rolle: Herausforderungen werden vor Ort gelöst, mit den Partnerinnen und Partnern vor Ort. Es hängt maßgeblich vom Engagement der handelnden Personen ab, wie Verantwortung wahrgenommen und ausgestaltet wird. Dass das Lyonel-Feininger-Gymnasium für den Deutschen Schulpreis nominiert wurde und es unter die Top 15 geschafft hat, zeigt, dass dieser Weg trägt, wenn Schule Soziale Arbeit und Kulturelle Bildung strategisch zusammen denkt und gemeinsam entwickelt.

»Wir haben natürlich Glück in dieser Stadt mit ganz vielen kulturellen Akteuren, mit ganz viel Kultureller Bildung [...]« Jan Riedel

Wie bewertet das Ministerium die wachsende Bedeutung der Schnittstelle zwischen Sozialer Arbeit und Kultureller Bildung?

Im Ministerium ist das Problembewusstsein grundsätzlich vorhanden. Ministerpräsident Reiner Haseloff betont etwa die engere Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt. Bei Schulbesuchen nimmt er ein Demokratiedefizit und ein teilweise fehlendes Wissen über demokratische Prozesse bei Schülerinnen und Schülern wahr – ein Thema, das er sehr ernst nimmt.

Gleichzeitig wird bereits konkret gehandelt: Das Ministerium baut eine digitale Datenbank für außerschulische Lernorte in Sachsen-Anhalt auf, stärkt die Schulsozialarbeit und arbeitet an deren Verstetigung. Das Thema Soziale Arbeit ist dabei breiter Konsens – es besteht Einigkeit darüber, dass Schulsozialarbeit notwendig ist. Ähnlich wird zunehmend auch die Bedeutung Kultureller Bildung gesehen.

Aus der Praxisperspektive bleibt dennoch der Wunsch nach größerer Übersichtlichkeit und besserer Koordination der vielen Akteure. Zudem geht es um Verlässlichkeit in der Finanzierung: Bewährte Strukturen sollten nicht von befristeten Programmen abhängen, sondern als dauerhafte Regelangebote abgesichert werden.

Aus der Zukunft gedacht, bewegt sich die Bildungslandschaft in die richtige Richtung?

Wir blicken auf eine Zeit tiefgreifender Transformationen zurück – geprägt von enormen Wachstumsschmerzen. Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und soziale Medien haben unsere Gesellschaft grundlegend verändert. Schule hingegen hat sich strukturell nur langsam weiterentwickelt und sich der Dynamik dieser neuen Realität bislang nicht ausreichend angepasst.

Gleichzeitig wächst die Erkenntnis, dass Bildung künftig mehr leisten muss als reine Wissensvermittlung. Sie soll junge Menschen befähigen, sich in einer hochdigitalen, komplexen und sich stetig verändernden Welt zu orientieren, ihren eigenen Weg zu finden und ihre Individualität zu entfalten. Bildung wird damit zur Zukunftskompetenz.

Der Lehrkräftemangel,besonders im ländlichen Raum, verschärft die Situation zusätzlich. Häufig wird versucht, Probleme mit alten Lösungsansätzen zu bewältigen, etwa durch den verstärkten Einsatz von Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteigern, ohne die grundlegenden Strukturen zu hinterfragen. Doch es reicht nicht, das Bestehende zu stabilisieren – wir müssen grundsätzlich über die »Zukunft der Zukunft« von Schule nachdenken: weg von starren Fächergrenzen, festen Zeitstrukturen und traditionellen Rollenbildern hin zu flexibleren, kooperativen und projektorientierten Lernformen.

Dabei spielt auch Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) eine zentrale Rolle. Schülerinnen und Schüler müssen darauf vorbereitet werden, in einer unsteten Welt zu leben, mit Unsicherheiten umzugehen, Verantwortung zu übernehmen und aktiv an gesellschaftlichen Prozessen mitzuwirken.

Publikumsfrage: »Ich habe eine Frage zum Ganztag.«

»[...] Das Recht auf Ganztag kommt und mein Interess liegt daran: Welchen Wunsch haben Sie als Politiker, als Minister und auch in Ihrer Rolle als ehemaliger Schulleiter an die Szene, die hier vor Ihnen sitzt und welche Angebote können Sie der Szene machen [...]?« 

Kapitelauswahl

Von Chancen & Grenzen

Theoretische Impulse & Streitgespräche

Praxisworkshops

Impressionen & ein Gefühl, das wir bewahren

Logo - Bundesregierung (Medien und Kultur)
Logo - Freundeskreis der Franckeschen Stiftungen
Logo - Sachsen Anhalt (Kultusministerium)